Korrekturen

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3. September 2017 - Der gefallene Engel

In diesem Kapitel erzähle ich etwas über meine Schwester. Nach einem intensiven Gespräch mit ihr stellte ich fest, das ich nicht wirklich viel über sie wusste. Dafür kann ich mich nur entschuldigen! Hier jetzt die korrigierte und erweiterte Version, die den Weg ins Buch gefunden hat. Ab morgen wird der Teil so erscheinen:

Meine Großmutter hatte Lungenkrebs und eine Heilung war nicht möglich. Zwar erhielt sie ihre Therapie dagegen, aber die half nur wenig. Sie wurde zu einem Pflegefall. Mein Großvater, restlos überfordert, bat die Familie um Hilfe. Staatliche Hilfen zu ignorieren, hatte bei uns eine lange Tradition. Tatsächlich ist es so, dass bis zur Generation meiner Mutter niemand Geld von Vater Staat annehmen wollte. Das ging so weit, dass meine Mutter Erziehungsgeld für mich ausschlug.

Also musste die Hilfe aus der Familie kommen. Meine Mutter wäre prädestiniert gewesen, sie besaß bereits in der Pflege Erfahrung. Aber sie musste sich um ihre Kinder kümmern. Meine Tante, ebenfalls Mutter mit zwei Kindern, war im Fach Pflege nicht vorbelastet. Mein Onkel war beruflich verhindert. Also traf die Familie folgende Entscheidung: Meine vierzehnjährige Schwester sollte die sterbenskranke Frau versorgen. Susanne war charakterlich nie die Stabilste. Zur Hysterie neigend, dünnhäutig, wenig zielstrebig oder ehrgeizig. Trotzdem verfügte sie damals über weit mehr Substanz und Widerstandskraft als heute. Was hat die Erwachsenen geritten, ein vierzehnjähriges Mädchen mit Tod und Krankheit zu konfrontieren und ihr eine solche Verantwortung aufzubürden?

Meine Großeltern besaßen ein Reihenhaus in Lübeck-Kücknitz. Zum Haus gehörten ein Stück Garten, ein Keller, zwei Schlaf- und ein Badezimmer im ersten Stock, Wohnzimmer und Küche im Erdgeschoß, ein Dachboden und eine Garage. Also ein vollwertiges Häuschen für zwei Personen oder eine kleine Familie.

Über die Sommerferien reiste meine Schwester nach Lübeck. Sie ging dem Großvater zur Hand. Nach ihren Schilderungen hatte sie sich um Haus, Essen und meine Großmutter zu kümmern. Zur Pflege gehörte auch das Windeln, das Wegwischen des Kotes oder des Erbrochenen, das regelmäßige Wechseln der Wäsche und das Umbetten der Kranken. Die Kranke befand sich im Endstadium.

Zum Dank erhielt Susanne nach den Sommerferien ein Fahrrad von meinem Großvater. Aber sie kehrte ziemlich verdreht zurück.

Vielleicht eine gute Gelegenheit, ein wenig von meiner Schwester zu erzählen. Als wir Richtung Lübeck aufgebrochen sind, brach meine Schwester Richtung Husum auf. Ich greife wieder etwas vor: ja, meine Mutter, mein Bruder und ich sind nach Lübeck gezogen. Für meine Schwester war dort aber kein Platz. Sie ist mit ihrem Freund als fünfzehnjährige nach Husum gegangen. Für meine Mutter war Susanne bereits mit 14 eine erwachsene Frau. Eine Heirat mit ihrem Freund stand nicht zur Debatte, dafür waren beide mit fünfzehn und siebzehn Jahren dann doch zu jung. Als ihr Freund zum Bund musste, ist meine Schwester als sechzehnjährige schwanger geworden. Die Verbindung zu ihrem Freund hielt nicht. Bei seinem Dienstantritt waren die beiden schon nicht mehr zusammen. Ich meine, Susanne ist selbst wegen ihrer Lage auf das Jugendamt in Husum zugegangen. Die schickten sie nach Kiel in ein Mutter-Kind Heim. Dieses Heim war streng Katholisch. Aber so schwer diese Humor.- und Freudlose Unterbringung auch zu ertragen war, sie bot erst einmal einen geschützten Rahmen. In diesem Rahmen brachte sie am 10.6.1986 ihre Tochter Anna zur Welt. Da war Susanne inzwischen siebzehn Jahre alt. Was jetzt folgt muss ich leider stark zusammenfassen, wenn es meine Biografie bleiben soll.

Sie findet eine Lehrstelle als Erzieherin, muss aber dann ihr Kind vorübergehend zu Pflegeeltern geben, um die Ausbildung zu schaffen. Sie schafft diese Ausbildung nach 5 Jahren. Ihre Tochter bekommt sie von den Pflegeeltern nicht zurück. Diese Tatsache verkraftet meine Schwester nicht. Sie bekam eine schwere Lebenskrise und wurde in die Universitätsklinik Lübeck eingewiesen. Davon sollte sie sich nie wieder erholen.

 Ich kämpfte damals mit meinen eigenen Problemen. Meine Mutter telefonierte eher selten mit ihr. Ich sah sie erst wieder, als sie in Lübeck untergebracht war, also Jahre später. Das war nicht mehr meine Schwester, wie ich sie kannte.

Heute denke ich, wie konnte man ein halbes Kind die todkranke Großmutter pflegen lassen? Wie konnte man dieses immer noch halbe Kind allein nach Husum und Kiel gehen, und noch schlimmer, wie konnte man es auch noch in einer solch schwierigen Situation ohne Beistand lassen?

Nach diesem Geschehen war meine Schwester verbraucht. Heute, mehr als zwanzig Jahre später, arbeitet sie in Teilzeit und zählt damit fast schon wieder als halber Mensch. Man merkt ihr deutlich an, dass da etwas nicht stimmt. Nach dem Ganzen blieb sie in der Nähe meiner Mutter. Keiner von uns hatte damals wirklich eine Familie. Deshalb war es gar nicht verkehrt, sich auf eigene Füße zu stellen. Nur war Sie viel zu jung, diesen Belastungen ganz allein entgegen zu treten. Wieso hat sich das Jugendamt um das Kind meiner Schwester gekümmert, aber nicht um Susanne selbst, die immer noch ein Kind war? Ach ja, ich vergaß, das Sankt Antonius Heim. Für meine Mutter ist der Schaden den meine Schwester genommen hat ein Glücksfall. Beide ähneln sich in gewisser Weise, beide nehmen die Realität auf ihre Weise wahr und sind heute aufeinander angewiesen.

Meine Schwester hat sich von der Aufgabe, die Großmutter zu pflegen, nie ganz erholt. Daran zerbrochen ist sie nicht. Mehr geschadet hat ihr die Tatsache, dass ihr das Kind genommen wurde. Für mich baut beides aufeinander auf. Vielleicht hätte sie eine Mutter sein können, hätte ihr eine Familie zur Seite gestanden und geholfen. Ihr nicht ganz freiwilliger Aufbruch nach Husum endete für sie in einem Desaster. Sie kann genügend erzählen, um ein eigenes Buch zu füllen. Immerhin hat sie später eine Verbindung zu ihrer Tochter aufbauen können, die inzwischen eine junge, erfolgreiche und selbstbewusste Frau ist. Susanne verdient den allergrößten Respekt, auch wenn Sie selbst heute auf Außenstehende kaum mehr belastbar wirkt.



© Jan Lütke 2017